Wörterbuch

Viel Neues wird erst einmal in Projekten erprobt. So auch in den Bereichen Schule, Berufsbildung und Arbeitsleben für Menschen mit Behinderungen.

Dabei entstehen neue Begriffe - oder bekannte Wörter aus der Alltagssprache erhalten neue, ganz bestimmte Bedeutungen.

Hinzu kommen fremdsprachige Begriffe, meist aus dem Englischen. Manchmal, weil sie einfach interessanter und "innovativer" klingen als die deutsche Übersetzung. Oft aber auch, weil die in Deutschland noch neuen Ideen schon in anderen Ländern diskutiert worden sind oder weil sie bei uns mit Geldern aus europäischen Förderprogrammen umgesetzt werden.

Auf den Unterseiten von "Schule - Beruf" werden Sie wahrscheinlich öfter auf solche Begriffe stoßen. Das kommt daher, dass die meisten Inhalte dieser Seiten aus der Arbeit von Projekten entstanden sind oder gerade eben entstehen.

Diese Begriffe können nicht jedes Mal an Ort und Stelle erklärt werden.

Aber hier:

Projekt

Darin steckt das Tätigkeitswort "Projizieren": Das heißt, eine Vorstellung von etwas zu entwerfen und diese Vorstellung sichtbar werden zu lassen, zum Beispiel als Bild auf einer Leinwand oder als Bauplan auf Papier.

Manchmal ist mit dem Begriff "Projekt" tatsächlich nur diese Idee, das Vorhaben, der Plan gemeint - und das Papier, auf dem all das steht. Oft wird damit zugleich die praktische Durchführung bezeichnet und sogar das ganze Drumherum - wie passende Arbeitsräume und MitarbeiterInnen zu finden, die finanzielle Abwicklung usw. Wir verstehen und benutzen das Wort "Projekt" meist in der umfassenden Bedeutung.

Projekte können einen Tag lang dauern - z.B. so genannte Projekttage in der Schule - oder auch mehrere Jahre. In jedem Fall sind sie zeitlich begrenzt.

Mainstreaming

Main - sprich: mä(i)n - heißt "Haupt".
Stream - sprich: striem - heißt "Strom".
Mainstream (Betonung auf der ersten Silbe) ist also der "Hauptstrom".

Mainstream ist der große Fluss, in dem das meiste Wasser fließt. Der die Kraft hat, alles in eine gemeinsame Richtung zu bewegen. In dem alle mitschwimmen. An den man sich gewöhnt hat. Den die meisten gut und richtig finden, auf jeden Fall "selbstverständlich".

Das Wort Mainstreaming - sprich: Mäh(i)nstrieming - beschreibt eine Tätigkeit. Es bedeutet zweierlei: Zum einen, sich darum zu bemühen, dass etwas Neues - ein neuer Bach, ein neues Flüsschen - sich nicht irgendwohin verläuft oder irgendwann versickert, sondern in den großen Hauptstrom einfließt. Zum anderen sich darum zu bemühen, dass das Neue dabei nicht verwässert wird oder untergeht, sondern dauerhaft an Einfluss gewinnt.

Auf unsere Projekte bezogen bedeutet das: Wir probieren hier nicht nur etwas Neues aus, sondern entwickeln Strategien, wie das auch woanders und dauerhaft funktionieren kann.

Gender-Mainstreaming

Gender - sprich: dschender, mit stimmhaften dsch - ist eines von zwei englischen Wörtern für "Geschlecht".

Damit ist nicht das biologische Geschlecht gemeint - das heißt auf englisch "sex".

"Gender" bezieht sich nicht auf 'den kleinen Unterschied', sondern auf die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Bedingungen, die das Leben und die Teilhabemöglichkeiten von Frauen und Männern bestimmen.

Diese Bedingungen können höchst unterschiedlich sein. Aber weil man sie lange für "normal" hielt, fallen sie weniger auf.

Es ist eben "normal", dass Mädchen eher geraten wird, in soziale Berufe zu gehen und Jungen in technische. Obwohl die persönlichen Interessen und Fähigkeiten - und damit auch die beruflichen Entwicklungschancen - ganz anders sein können.

Gender-Mainstreaming bedeutet, auf "Geschlechter-Gerechtigkeit" zu achten - und sich dafür einzusetzen, dass dies überall geschieht.

Auf unsere Projekte bezogen bedeutet das: Wenn wir Probleme analysieren, schauen wir immer auch darauf, wie sie sich für weibliche oder männliche Betroffene darstellen, ob unsere Lösungsansätze und Strategien für beide "gerecht" sind - oder wie wir sie entsprechend entwickeln können.

Das Gleiche gilt für die Arbeit und für die Entwicklungschancen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Teams.

Ability Mainstreaming

Ability - sprich: Ähbillitie - heißt "Fähigkeit".

Ability-Mainstreaming in Bezug auf behinderte Menschen heißt: Menschen nicht nach ihren Defiziten zu beurteilen oder auf bestimmte Rollen und Lebenswege festzulegen, sondern entsprechend ihren Potenzialen und Fähigkeiten.

Es bedeutet, genauer zu untersuchen, ob die "Unfähigkeit" einer Person vielleicht nicht so sehr von biologischen oder medizinischen Eigenschaften bedingt ist, sondern vielleicht eher durch bestimmte Lebensumstände.
Ein Vogel, der im Käfig sitzt, könnte schon fliegen und Würmer fangen... Wenn man ihm etwas anderes anbieten würde als einen vergitterten Schonplatz und etwas anderes lehren würde als brav auf Futter zu warten.

In unseren Projekten versuchen wir zu zeigen, dass das nicht nur schöne Worte sind, sondern dass es tatsächlich funktioniert.

Außerdem formulieren wir damit auch einen Anspruch an unsere Projektpartner und an die Verantwortlichen für Projekt-Förderprogramme: Sie sollen sich nicht nur "für Behinderte" einsetzen, sondern konkret dafür sorgen, dass wir als behinderte Expertinnen und Experten ganz selbstverständlich mitarbeiten können.

Bei der Planung eines Arbeitstreffens oder einer größeren Veranstaltung beispielsweise sollten sie darauf achten, dass wir als RollstuhlfahrerInnen, als seh- oder hörbehinderte KollegInnen uns dort genauso gut bewegen und genauso gut arbeiten können wie unsere nichtbehinderten KollegInnen.

Beim Bemessen der Fördergelder sollte beachtet werden, dass wir für Dienstreisen mehr Geld brauchen - nur für den "Luxus", ein Hotelzimmer mit zugänglicher Toilette zu bekommen und ein zweites für den oder die mitreisenden ArbeitsassistentInnen bezahlen zu können.

Der Begriff "Ability Mainstreaming" ist bisher wenig verbreitet. Das stört uns nicht, wenn das, was wir damit ausdrücken und bewirken wollen, sich auch anders durchsetzen lässt.

Andererseits wäre es vielleicht sinnvoll, die Bedeutung dieses Begriffes zumindest für unsere eigene Arbeit weiter auszuloten. Lothar Sandfort, einer unserer Kollegen in der ersten Equal-Projektphase hat das mal versucht.

Best Practice

Best - sprich: besst - heißt "am besten" oder auch "das Beste".
Practice - sprich: präcktiss - heißt "Praxis" oder genauer gesagt "die Art und Weise, wie etwas gemacht wird".

Best Practice bedeutet also, die Art und Weise wie etwas am besten gemacht wird.

Der Erfolg von Projekten hängt oft davon ab, ob die Ergebnisse an Hand von anschaulichen und persönlich überzeugenden Best-Practice-Beispielen deutlich gemacht werden können.

Nachhaltigkeit

Dieses Wort ist eigentlich kein Fremdwort. Es ist in letzter Zeit nur etwas in Verruf geraten, weil einige PolitikerInnen soviel davon geredet haben, ohne etwas dafür zu tun.

Wir wollen mit unseren Projekten keine Strohfeuer abbrennen. Deshalb gehen wir zum Beispiel nicht nur gelegentlich in eine Schule und gestalten eine Unterrichtsstunde oder einen Elternabend. Wir konzipieren ganze Lehrprogramme, die sich gut mit dem normalen Schulablauf kombinieren lassen (mehr dazu siehe unter "Assistenz").

Die Nachhaltigkeit unserer Arbeitsergebnisse hängt auch davon ab, ob andere bereit sind, sich dafür zu öffnen und sie in ihre Arbeitsbereiche zu integrieren.

Gemeinschaftsinitiative und EU-Förderprogramm

"Gemeinschaftsinitiative" bezieht sich auf die Europäische Gemeinschaft und heißt das gleiche wie EU-Förderprogramm.

Equal

Equal - sprich: iequel - heißt "gleich".

Equal ist der Name eines EU-Förderprogramms, das von 2002 bis Ende 2007 dauerte. Die Gelder für Equal wurden aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) bereitgestellt.

Entwicklungspartnerschaft (EP)

Das EU-Förderprogramm Equal förderte keine einzelnen Projekte, sondern nur so genannte Entwicklungspartnerschaften (EP). Das heißt, es mussten sich mehrere Projektpartner zusammenfinden, die sich gegenseitig gut ergänzen und eine gemeinsame Strategie verfolgen konnten.

"Open Doors" und "Open Paths"

Open Doors - sprich: ohpen dohrs - heißt "offene Türen".
Open Paths - sprich ohpen paß heißt "offene Wege".

Das waren die sprechenden Namen der Equal-Entwicklungspartnerschaften, an denen sich das BZSL mit Projekten zum Übergang Schule - Beruf von 2002 bis 2007 beteiligt hat.

Transnational

Ist das nicht das gleiche wie international? Ja und Nein.

Gemeint ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen europäischen Projektpartnern, wobei die Zusammenarbeit nicht nur im Austausch von Ideen und Erfahrungen besteht. Gute Ergebnisse eines Landes sollen passfähig gemacht werden, damit sie auch in einem anderem Land gut wirken können, also trans-national.

Im besten Fall entsteht aus der gemeinsamen Arbeit verschiedener europäischer Partner etwas Neues, was es so bisher in keinem der einzelnen Partnerländer gegeben hat.

Ein Beispiel dafür sind die "Qualitätsstandards" für einen guten Übergang Schule - Beruf, die in der ersten Equal-Förderphase 2002 bis 2005 entstanden sind und an denen auch unsere ProjektmitarbeiterInnen mitgewirkt haben.