Geschichte des Vereins

Das BZSL entstand mitten in der "Wendezeit". Im Frühjahr 1990 fanden sich mehrere behinderte Menschen in Ost-Berlin zusammen, um sich gegenseitig zu stärken, zu beraten und um ihre Erfahrungen und Kräfte auch mit anderen zu teilen. Bald kamen engagierte Mitstreiter_innen aus West-Berlin hinzu.

Nach kurzer Zeit öffnete hier offiziell die erste Beratungsstelle für behinderte Menschen in Berlin, die nach dem "Peer-Counseling-Prinzip" arbeitet: Betroffene beraten Betroffene - kompetent, solidarisch und ermutigend zu selbstbestimmter Lebensführung.

Alle arbeiteten ehrenamtlich und finanzierten die notwendigen Sachausgaben aus eigenen Mitgliedsbeiträgen. Später gelang es, mit Projektgeldern und Zuschüssen vom Arbeitsamt die Angebote zu erweitern und zugleich Arbeitsplätze für schwerbehinderte Mitarbeiter_innen zu schaffen.

Inzwischen engagieren sich im Verein Menschen im Alter von Mitte 20 bis Anfang 60, die die unterschiedlichsten Behinderungen, Fähigkeiten und Temperamente haben, berufstätig oder berentet sind, mit oder ohne Assistenz selbstbestimmt leben. Dabei sind die Lebensrealitäten der Vereinsmitglieder so individuell, wie bei jedermann.

Wie alles begann

Zur Vorbereitung des UNO-Jahres der Behinderten 1981 trafen sich auf Initiative  von Prof. Dr. Wolfgang Presber, Direktor der Klinik für Rehabilitation in Berlin-Buch, bereits 1979 erstmalig etwa 20 behinderte Menschen, um gemeinsame Veranstaltungen zu gestalten. Offiziell hieß es in der DDR das „Jahr der Geschädigten“. Schon 1980 wurden zwei größere öffentliche Veranstaltungen zu den Themen „bauliche Barrieren“ und „kulturelle Teilhabe“ durchgeführt.

 

1981 konnte eine kleine Gruppe von behinderten Menschen am Kongress für Rehabilitation in Leipzig teilnehmen. Aus unserem Verein mit dabei waren Regina Reichert, Petra Stephan und Hans-Reiner Bönning.

 

Die Idee von Prof. Dr. Presber, eine eigene Arbeitsgruppe in der Gesellschaft für Rehabilitation (GfR) der DDR einzurichten, die ausschließlich von behinderten Menschen selbst geführt würde, scheiterte am Veto des damaligen Vorstandes der GfR. Dennoch, von dieser Zeit an trafen wir uns bis etwa Mitte 1986 regelmäßig als halblegale Selbsthilfegruppe in einem Jugendklub in der Leipziger Straße.

 

Obwohl die offizielle Gründung einer Gruppe oder eines Vereins in der DDR politisch nicht möglich war, gelang es den Gruppenmitgliedern durch diplomatisches Geschick Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel als kooptierte Mitglieder im Beirat für Rehabilitation des Ost-Berliner Magistrats. Als Mitwirkende bei der barrierefreien Planung des SEZ und des Nikolai-Viertels, sowie bei der Planung eines „Haushaltsservice“ für etwa 500 schwerstbehinderte Ost-Berliner_innen, mit Unterstützung des damaligen Ost-CDU-Mitglieds Dr. Seidel.

 

Ein Schreiben der Gruppe mit Verbesserungsvorschlägen und Angeboten zur Mitwirkung an den damaligen Minister für Gesundheit, wurde von der stellvertretenden Gesundheitsministerin mit angedeuteter Strafandrohung wegen illegaler Gruppenbildung rigoros abgeschmettert. Daraufhin kam es 1986 zunächst zur Auflösung der Gruppe. Doch Petra Stephan und ihre ehemalige Lehrerin Dagmar Schade, setzten die integrative Kultur- und Bildungsarbeit im Klub „Impulse“ in Berlin-Prenzlauer Berg  fort.

 

Auf ihren Westreisen lernte Petra Stephan dann auch die „Selbstbestimmt Leben Bewegung“ kennen. Ein Artikel von Dr. Adolf Ratzka aus Schweden über das Stockholmer Selbstbestimmt-Leben-Zentrum STIL überzeugten sie derart von diesem Konzept, dass sie im Herbst 1989 dessen inhaltliche Umsetzung gemeinsam mit behinderten Bekannten und Freunden verfolgte.

 

Im März 1990 standen Satzung, Konzeption und Beitragsordnung des BZSL, und ein kleines rollstuhlgerechtes Büro war in der Marienburger Straße gefunden.

 

Im Herbst des selben Jahres wurde das BZSL in den neu gegründeten Dachverband ISL aufgenommen und wir konnten uns bei einer Reise nach Bremen von der Arbeit eines erfolgreichen ZSL überzeugen.

 

Von 1990 bis 1992 wurde die Beratungsarbeit im BZSL ehrenamtlich geleistet. Erst danach begann die systematische Suche nach Arbeitsplatzfinanzierungen (ABM, SAM und Projekte) für ein bis zwei behinderte Mitglieder des Vereins.

 

Es folgte der Aufbau der allgemeinen Beratungsstelle, die bis heute themen-offene Beratung für alle Menschen, die mit dem Thema Behinderung und chronische Erkrankung Berührung haben, anbietet. Daneben gab es auch verschiedene erfolgreiche Projekte. Darunter zum Beispiel ein Projekt, das den Grundstein für unsere heutige Beratungsmethode legte: Ab 1997 beteiligte sich das BZSL am mehrjährigen EU-Projekt der ISL „Peer Counseling in progress“. Von 2001 bis 2005 arbeiteten wir unter anderem in dem Projekt „HDP-Heimanalyse“, das sich für mehr Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit chronischen Nierenversagen und ihre Angehörigen einsetzte. In der Folge entstanden durch Klient_innenbedarfe vor allen Dingen Projekte für Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung. Dieser Arbeit widmen wir uns neben der allgemeinen Beratung und dem Bereich Inklusion im Arbeitsleben seit 2009 bis heute.